Katrin Wüst:Fremd sein

Sicher sein, zur Ruhe kommen, Safe Space, beheimatet sein - einen Ort zu haben, an dem ich mich zu Hause, zugehörig fühle ist wichtig. Wie wichtig es ist, spüre ich schmerzhaft dann, wenn ich es nicht mehr habe. Wenn ich versuche mich in einem anderen Land, mit einer anderer Kultur und Tradition, neu zu beheimaten.
In einem anderen Land, in einer anderen Region oder Stadt, die Arbeitsstelle oder Schule zu wechseln. Fremdheitsgefühl. Ich bin "die andere". Die mit der anderen Herkunft und Lebensgeschichte, die anders ist oder manches anders gelernt hat.
In der Schule übe ich mit meinen Schüler*innen "Ambiguitätstoleranz".
Aushalten, dass jemand anders anders ist, nicht wie ich, und dass das okay ist. Keine Bedrohung meiner Existenz, keine Kritik an mir, meiner Sexualität und Lebenseinstellung. Einfach nur anders.
Das liebe ich sehr an meiner Arbeit. Die Vielfalt. Die Unterschiedlichkeit. Hier ist sie in jeder Klasse zu finden. Gerne mal eine Herausforderung. Aber immer eine Chance.
Der kommende Passionssonntag trägt den Namen "Judika"“, Gerechtigkeit. Es ist für mich auch eine Frage der Gerechtigkeit, die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich bin nicht fertig, wenn ich meinen Ort gefunden habe. Ich soll raus aus meiner Bubble. Ich verstehe es so, dass ich es mir nicht zu bequem machen soll. Ich soll auch fremd bleiben. Aus Gründen der Gerechtigkeit: So lange es Menschen gibt, die keinen sicheren Ort haben, die sich, da wo sie leben, nicht zu Hause fühlen, bleibe auch ich eine Fremde, eine von den anderen.
Katrin Wüst, Pfarrerin im Schuldienst an der David Roentgen Schule, Neuwied