Lothar Anhalt:"Wer hat an der Uhr gedreht …?"

"Wer hat an der Uhr gedreht …?" waren die Schlussverse in der Comicserie "Paulchen Panter", die vielleicht der eine oder die andere noch kennt. Zweimal im Jahr dürfen wir an der Uhr drehen, im Frühjahr und wie heute an diesem Samstag im Herbst. Eine Stunde kriegen wir geschenkt, die wir allerdings im Frühjahr geopfert haben. Diese Uhrumstellung, so unsinnig sie bisweilen auch ist, lädt doch ein, einmal über die Zeit nachzudenken. Wer hätte sich nicht schon einmal gewünscht, in glücklichen, frohen Stunden, die Uhr anzuhalten, um so den Moment noch länger auszukosten. Und wer hätte sie nicht liebend gerne einmal weiter oder zurück gedreht, besonders in schwierigen Phasen, in Krisen und traurigen Zeiten.
Schon der alttestamentliche Weisheitslehrer Kohelet schrieb im 3. Jahrhundert v. Chr.: "Alles hat seine Stunde, für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: Eine Zeit zum Gebären, eine Zeit zum Sterben … Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz …" (Koh 3, 1ff)
Was letztlich zählt, ist doch die Gegenwart. Diese wertschätzend anzunehmen und auszukosten, wenn sie uns mit schönen Stunden beschenkt, ist die eine Seite. Die andere ist das, was uns zugemutet wird auszuhalten in der Hoffnung, die nötige Kraft dafür zu bekommen.
Besonders auch die sog. "dunkle Jahreszeit" kann uns dazu einladen, vielleicht einmal im Kerzenschein über unsere Lebenszeit nachzusinnen. Wir können das, was bedrängt und bedrückt, ungeschminkt in dem Bewusstsein betrachten, dass es sein darf und zum Leben gehört – wie sonnige Tage … auf der Terrasse sitzen bei lauen Temperaturen oder das gesellige Beisammensein auf so manchem Fest.
In dem Bewusstsein, dass alle Zeit letztlich geschenkte Zeit ist, wünsche ich Ihnen in diesen Tagen, zur Ruhe zu kommen, um auch das wahrzunehmen, was gut und heilsam ist.
Lothar Anhalt, Pfarrer der Pfarrei Linz an Rhein und Höhe St. Marien